Rolling Stones - der Kreis schließt sich

 

Von MICHAEL HERTEL

 

Meine erste Stones-Single bekam ich zum elften Geburtstag von einem Klassenkameraden geschenkt - "Get OFF OF My Cloud" - und war leicht enttäuscht: Die Band war schon die richtige. Aber eigentlich hatte ich auf dieses fetzige "Satisfaction" gehofft, das schon auf bestem Wege zur Generationen-Hymne war. Dabei hatte mir mein Freund Sigurd nur etwas besonders Gutes tun wollen, denn "Satisfaction" war im Dezember 1965 bereits ein halbes Jahr alt. Aber ich dachte noch nicht in den Kategorien eines sich ständig und atemberaubend erneuernden Musikmarktes.

    

Edel-Fan, Ron-Wood-Galerist und    Museumsdirektor:

Uli Schröder aus Lüchow (Wendland)

Neuigkeiten von der Insel oder sonst woher brauchten damals nicht wie heute Minuten sondern Tage bis Wochen, bevor sie sich - wenn überhaupt - in deutschen Medien breit machten. Von deutschen Radiosendern gab es in (West-)Berlin mit "Schlager der Woche" (RIAS) und "SF-Beat" (SFB) nur zweimal die Woche je eine Stunde aktueller Musik zu hören. Ansonsten regierten im Radio Klassik, Oper und Operette, Tanzmusik und deutscher Schlager, und im Fernsehen nahm Mike Leckebuschs "Beat Club" gerade erst seinen Betrieb auf. Von der "Bravo" abgesehen, berichteten deutsche Presseorgane nur dann über Beat-Musik, wenn sich die Chance bot, den im "Gammler"-Look auftretenden, Krach machenden Langhaarigen ihren Böse-Buben-Stempel in den Köpfen der Nachkriegs(eltern-)generation mal wieder aufzufrischen. Da passte es natürlich ins Bild, dass eine rasend gewordene Anhängerschar nach dem Auftritt der Rolling Stones, den damals allerbösesten Buben der Zunft, am 15. September 1965 die West-Berliner Waldbühne kurzerhand zerlegte und 87 Verletzte zurückließ. Politik und Gesellschaft der Halbstadt standen tagelang unter Schock, und aus dem Osten kamen höhnische Kommentare. Das DDR-Zentralorgan der SED, "Neues Deutschland", verstieg sich gar zu der These, die Tumulte im Umfeld des Waldbühnen-Konzertes seien keinesfalls als spontane Auseinandersetzungen sondern vielmehr als fachmännisch inszenierte Massenhysterie einzustufen, um die Westberliner Jugend auf Kriegsschlachten (gegen den friedliebenden Sozialismus) vorzubereiten. Erst vier Jahre später konnte die zum Olympia-Gelände von 1936 gehörende Waldbühne wieder bespielt werden. Nur schüchtern - da um die Aussichtslosigkeit meines Anliegens wissend - hatte ich im Vorfeld eine Anfrage an meine Eltern gerichtet, dem Ereignis beiwohnen zu dürfen. Das Ansinnen war natürlich ungeheuerlich, die Realisierung scheiterte schon am Fehlen einer geeigneten (volljährigen) Begleitperson. Mein Vater hörte Glenn Miller.

 

Da hatte es der Lüchower Ulrich Schröder, Jahrgang 49, schon besser. Um entscheidende Jahre älter, ließen die Eltern den jungen Wendländer die Auftritte seiner Idole auf ihrer ersten Deutschland-Tour im September 1965 in Hamburg (Ernst-Merck-Halle) und Berlin miterleben. Das Feuer, das die Londoner bei Schröder entfachten, ist bis heute nicht erloschen. Im Äther suchte er damals ständig nach dem musikalischen Kick auf "Radio London" und dem Piratensender "Radio Caroline", und wenn die damals glorreichen Fünf irgendwo auftraten, investierte Schröder seine letzten Groschen, um dabei zu sein und Souvenirs zu hamstern. Bis heute brachte es der gelernte Bankkaufmann auf 163 von insgesamt rund 2000 Stones-Konzerten. In seiner Sammelleidenschaft begann Schröder dann auch Werke aus der Frühphase des Malers Ronald Wood zu kaufen (als diese noch erschwinglich waren), und über die Malerei bekam der Niedersachse schließlich Kontakt zum Künstler persönlich, der seit 1975 als Nachfolger für den zurückgetretenen Mick Taylor für die Stones Gitarre zupft. Heute ist Schröder nicht nur Ron Woods Galerist für Deutschland, Schweiz und Österreich sondern auch seit drei Jahren Eigentümer und Direktor des ersten und mutmaßlich einzigen Stones-Fan-Museum der Welt in seiner Heimatstadt Lüchow (rund 9400 Einwohner). Wer in dem - Entschuldigung: Kaff - eine Sammlung von Nichtigkeiten erwartet, wird eines Besseren belehrt: Schröder hat es - nicht zuletzt mit Hilfe eines 100.000-Euro-Zuschusses seiner Heimatstadt - tatsächlich vermocht, eine phantastische Sammlung zu einem bedeutenden Abschnitt der Musik- und Rockgeschichte zusammenzutragen. Das wissen inzwischen auch seine Idole selbst: Gerade hat er für sie den VIP-Backstage-Bereich beim Konzert im Züricher Letzigrundstadion (Eintritt: 2000 Euro) zu Woods 67. Geburtstag mit zahlreichen Lüchower Exponaten ausgestattet und hofft auf Besucher aus der musizierenden Viererbande (seit dem Ausscheiden von Bill Wyman, 77, im Jahr 1993) nach Ende der aktuellen Tournee. In Schröders Museum fühlt sich der Fan zuhause, kann alle Phasen der Bandgeschichte anhand zahlreicher professionell präsentierter Exponate nachvollziehen. Und wenn der Chef persönlich herumführt, braucht man nur noch ein Stichwort zu geben ...

 

Zum Beispiel das Stichwort "Härteste Band der Welt". Urheber dieses Bildes war zweifelsohne der einstige Stones-Manager Andrew Lo(o)g Oldham, der seine Truppe werbemäßig - und sehr erfolgreich - zum dunklen Gegenpart der Schwiegermutter-Typen aus Liverpool stilisierte. Mit der Wahrheit hatte dieses Bild wenig zu tun. Bei echten Stones-Fans ebenfalls nicht vergessen ist bis heute die Behauptung von Beatles-Frontman John Lennon, die Stones seien im Kopieren der "Fab Four" äußerst aktiv gewesen. Was das Musikalische betrifft, hatte bereits der 1969 unter nach wie vor ungeklärten Umständen zu Tode gekommene Ur-Stone Brian Jones die Kopier-Vorwürfe gekontert: "Da könnt ihr auch gleich sagen, wir machen die anderen Bands nach, weil wir Gitarre spielen." Abgesehen davon, dass nach Ansicht vieler Anhänger die besten Stones-Werke in einer Zeit (der "Mick-Taylor-Periode") entstanden, als die Beatles bereits musikalische Geschichte waren, unterscheiden sich die musikalischen Ergebnisse der vermeintlichen "Kopierarbeiten" doch erheblich von den angeblichen Vorlagen, vergleicht man zeitnah erschienene Alben wie "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" (Beatles, Juni 1967) mit "Their Satanic Majesties Request" (Rolling Stones, Dezember 1967), das "Weißes Album" (November 1968) mit "Beggar's Banquet" (Dezember 1968) oder "Abbey Road" (September 1969) und "Let It Bleed" (Dezember 1969).

 

"Härte" als Qualitätskriterium stand freilich im Mittelpunkt unserer Schulhof-Diskussionen mit den "bürgerlichen Weicheiern" (Schröder) von der Beatles-Fraktion. Dabei haben die Stones, die sich ursprünglich als Rythm-and-Blues-Formation verstanden, immer neben hartem Beat und Rock 'n' Roll zahlreiche eher leise musikalische Kleinodien wie "As Tears Go By" (1964/1966), "Blue Turns To Grey" (1964/1965), "Sittin' On A Fence" (1965/1967) oder "Back Street Girl" (1967) produziert. Bei letzterem scheint die Gruppe nicht allein der Ziehharmonika-Klänge wegen musikalisch auf den Spuren des großen Chansonniers Jacques Brel zu wandeln. Da bleibt von "Härte" nichts übrig. Und das ist gut so, meint Stones-Experte Uli Schröder: "Ich habe schon damals nicht nur Stones gehört sondern auch gute Musik anderer Gruppen anerkannt. Aber selbst wenn ich nur Stones hörte, fehlte mir nichts, denn die musikalische Bandbreite der Gruppe ist phänomenal."

 

Verantwortlich für diese musikalische Bandbreite waren in erster Linie die virtuosen Kompositionen der beiden heute 70-jährigen Mick Jagger und Keith Richards, die sich anfangs teilweise hinter dem Pseudonym "Nanker Phelge" verbargen, wenn weitere Bandmitglieder am Schöpfungsprozess beteiligt waren, und inzwischen als "Glimmer Twins" bekannt sind. Prägend aber waren auch Stimme und Stimmungen ihres alle überstrahlenden Frontmans Mick Jagger, dem als lebender Rock-Legende inzwischen selbst Songs gewidmet werden ("Moves like Jagger" - "Maroon 5", 2011). So zärtlich er einst sein "Back Street Girl" umschmeichelte, so diabolisch kotzt Jagger zwei Jahre später in "Monkey Man" ("Let it Bleed") den wilden Affen aus. Was man mag, bleibt Sache des Standpunktes: Wenn sich "King of Pop" Michael Jackson auf der Bühne lasziv in den Schritt griff, war das obszön. Wenn es Jagger tat, war es eben ein typischer Jagger.

 

Einen wichtigsten oder besten Song der Rolling Stones zu benennen, fällt bei dieser Bandbreite verständlicherweise schwer. Schröder: "Die Stones selbst haben sich dazu nie geäußert." Oberflächlich betrachtet, ist es natürlich "Satisfaction" als nach wie vor bekanntestes Stück, das den frühen Weltruhm der Gruppe begründete. Doch wer sich mit den Stones beschäftigt, wird ganz andere Titel nennen können. Titel, die teilweise nie in irgendwelchen Charts gelistet wurden, einige sogar selten oder gar nicht von ihren Schöpfern auf Bühnen gespielt: "Time Waits For No One" (1974) beispielsweise, eine großartige Hymne auf die Vergänglichkeit, "Winter" (1973) oder "Moonlight Mile" (1971) von ähnlich großartiger Musikalität, der Chorus-Höhepunkt "You Can't Always Get What You Want" (1969), das unverwüstlich-diabolische "Sympathy For The Devil" (1968) oder "Gimme Shelter" (1969), das durch den gleichnamigen Dokumentarfilm für immer mit dem schwärzesten Tag der Stones-Geschichte, dem 6. Dezember 1969 von Altamont*, assoziiert bleibt. Als Master-Code unter den Fans und treffende Überschrift zum umfangreichen Gesamtwerk von mehr als 400 Stücken fungiert jedoch "I was born in a Crossfire Hurricane", die erste Zeile von "Jumpin' Jack Flash" (1968). Dieser Song enthält alle Charakteristika der Gruppe: ein eingängiges musikalisches Thema, ein originelles, fein abgestimmtes Arrangement, den nötigen Härtegrad und einen anspruchsvoll bildhaft verschlüsselten Text.

 

Am 10. Juni wabern die großen Hymnen aus längst vergangenen Tagen noch einmal durch die romantische Murellenschlucht - 52 Jahre nach dem ersten öffentlichen Auftritt der Rolling Stones im Londoner "Marquee Jazz Club" (12. Juli 1962) in der Oxford Street und 49 Jahre nach der legendären Berliner Fanschlacht. "Verletzte" wird es dann vermutlich nur geben, wenn enthusiasmierte Anhänger ihrem fortgeschrittenen Alter Tribut zollen. Auch hämische Kommentare aus Richtung Osten sind nicht zu erwarten. Und das Beste: Diesmal werde ich dabei sein. Mein Gott, ich fang' jetzt schon an zu heulen!

 

* Beim "Altamont Free Concert" in Kalifornien wurde der afroamerikanische Zuhörer Meredith Hunter (18) von einem Mitglied der als Ordner-Truppe engagierten Hells Angels erstochen.

 

Ins Netz gestellt am 2.6. 2014; vom Autor freigegeben zur privaten (nicht kommerziellen) Nutzung/Verbreitung.

 



 

 

 

 

 

 

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