Hahn: "Er war stolz, unbeugsam, verschlagen und heimtückisch"

Friedrich der Große ohne Legende


Das vollständige Interview zum "Friedrich-Jahr" 2012 mit
Prof. Dr. Peter-Michael Hahn (Universität Potsdam)
von MICHAEL HERTEL

Am 24. Januar 2012 jährte sich der Geburtstag Friedrichs II. von Preußen zum 300. Mal. Nach jüngsten Umfragen ist er Deutschlands bekanntester König. Weiß man also schon alles über ihn?

Hahn: Man weiß vieles, aber längst nicht alles. Dass Friedrich Deutschlands bekanntester König geworden ist, liegt sicherlich an der gewaltigen Propagandamaschinerie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die ihn im Grunde genommen zu einem Vorkämpfer der deutschen Nation neben Luther und Bismarck stilisiert hat. Das ist ein Stück Geschichtspropaganda.

Angeblich soll Friedrichs Gesamtwerk neu herausgegeben werden. Ist das nicht schon alles online abrufbar?

Hahn: Es gibt bislang keine historisch-kritische Ausgabe seiner Werke. Man muss schon lange suchen, um alles zu finden. Das gilt insbesondere für sein Briefwerk. Wir müssen hier unterscheiden zwischen Friedrichs privaten Briefen und seiner umfänglichen politischen Korrespondenz. Am meisten neues könnte man über Friedrich erfahren, wenn man die Korrespondenz mit seiner Schwester Wilhelmine, mit seinen Brüdern und einigen Fürsten komplett edierte. Denn die bisherigen Editionen zeichnen sich alle durch Selektion und Weglassen aus. Aber so etwas ist nirgends geplant.

Sie haben sich als Buchautor* kritisch mit dem Wahrheitsgehalt von Friedrichs Texten und Briefen auseinander gesetzt. War Friedrich der Große ein großer Lügner?

Hahn: Wenn es um den Wahrheitsgehalt der Korrespondenz geht, muss man berücksichtigen, dass ein König über allen anderen stand. Friedrich musste sich zwar in der Korrespondenz mit anderen Fürsten an enge Grenzen halten - das Standesbewusstsein ließ dabei dreiste Lügen nicht zu. Gegenüber seinen bürgerlichen Freunden aber, ob sie nun Voltaire, d'Argens, Algarotti, Keyserling oder sonstwie hießen, machte der soziale Abstand die Frage der Wahrhaftigkeit nie zum Thema. Solche Korrespondenz war für Friedrich ein literarisches Spiel, in dem man Belesenheit zeigte und in der Wahl der Stilmittel die soziale Differenz zu kaschieren versuchte. Es ging bei dieser Korrespondenz nie um Wahrheit.

Findet man in Friedrichs Werk Wahrheiten?

 
Hahn: Unter den politischen Schriften sind die beiden politischen Testamente und vor allem seine "Generalprinzipien des Krieges" die wichtigsten. Darin legte er seine ersten Kriegserfahrungen nieder, denn Friedrich hatte die Angewohnheit, aus Gründen der Selbstreflexion und Selbstkritik, das, was er erlebt und beobachtet hatte, in Textform zu verarbeiten. Die genannten Schriften und zwei weitere Folgetexte dazu waren nur für den allerkleinsten Personenkreis bestimmt, sprich: seinen Nachfolger und ein, zwei Vertraute; anfangs sein Bruder August Wilhelm und der Prinz Leopold Maximilian von Anhalt-Dessau. Sonst hat diese Texte in ihrer Gesamtheit niemand zu sehen bekommen. In ihnen dachte Friedrich über seine Handlungen nach. Da war er mal wahrhaftig und versuchte relativ selbstkritisch zu überlegen. Wobei man sagen muss: Das hatte auch dort Grenzen, denn dieser eitle Mann war in der Regel nicht in der Lage, sich eigene Fehler einzugestehen.

Seine berühmte Schrift "Antimachiavell", in der er machthungrige Fürsten verdammte, haben Sie nicht erwähnt ...


Hahn: Man muss wissen, dass der Antimachiavell eine literarische Fingerübung des jugendlichen Prinzen war, in der er einfach ein paar Texte und Gedanken zusammengeführte, über die Voltaire dann drüber geschaut und sie in eine druckbare Form gebracht hat. Es ist ein Text, mit der ein Kronprinz, den keiner kannte, der zudem an einem Hof ohne Bedeutung lebte, einfach mal auf sich aufmerksam machen wollte. Aber aus dieser Schrift irgend eine Überzeugungstat zu machen, wäre absurd. Es handelte sich nur um gedrucktes Papier, eine Art Friedrich-Werbebroschüre.

 

Bei Friedrich gibt es zwei Lager: Das eine sieht in ihm Friedrich "den Großen" oder sogar "den Einzigen" - er spielte Flöte, komponierte, schrieb einfühlsame Gedichte, korrespondierte mit den großen Philosophen, war genialer Schlachtenlenker und privat ein genügsamer, aufgeklärter Menschenfreund. Andere behaupten: Friedrich war ruhmsüchtig, rücksichtslos, ein menschenverachtender Gewalttäter, ein Machiavellist schlimmster Sorte, zynisch, in Kunstverständnis und wirtschaftlichem Denken rückständig. Wer hat Recht?


Hahn: Das ist viel auf einmal. Sicherlich würde ich eher zu der zweiten Interpretation neigen, die andere muss man dennoch erklären. An der ersten ist nicht der geschichtliche Hintergrund interessant, wenn es um den historischen Friedrich geht. Diese Deutung hat viel mit dem Wunsch der Deutschen nach historischer Legitimität, historischer Identität und Selbstfindung zu tun. Es hat mit der Geschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu tun, denn indem man Friedrich zu dieser überragenden Königsgestalt erhob, hat man sich eine historische Tradition, eine nationale Erzählung geschaffen.

... weil es diese Nation nicht gab?


Hahn: Genau! Weil dort große Defizite existierten. Diese nationale Erzählung ist in Deutschland durchgängig von Protestanten erfunden und verteidigt worden. Ähnliches findet man zwar in allen europäischen Nationen. Nur in einem Land, das keine einheitliche nationale Tradition hatte, wie das Gebiet der Deutschen, war es natürlich umso wichtiger, etwas Entsprechendes zu erfinden. Denn wozu diente diese Erzählung von Friedrich dem Einzigen? Es ging darum, die territorialen Traditionen der Bayern, der Sachsen, der Hannoveraner, der Rheinländer, der Württemberger historisch zu diskreditieren oder erst einmal vergessen zu machen. Es gehörte im 19. Jahrhundert dazu, die Geschichte zu einem Erklärungsmuster zu erheben, das erlaubte, Vergangenheit zu selektieren. Der Kern des Ganzen war die Behauptung, dass die Kaiser aus dem Hause Habsburg und Österreich nicht dazu gehörten. Das spielte bis 1866 eine ganz zentrale Rolle.

Sie haben Wort und Tat Friedrichs miteinander verglichen. Wo waren da die Differenzen?


Hahn: Was heißt hier Differenzen? Der König war in seinem Handeln durchgehend konsequent, zielorientiert über alle Jahre. Er hatte ein Kernziel: den Kampf gegen das Haus Habsburg. Das hatte geradezu paranoide Züge und ging bis in seine letzten Jahre.

 

 Beruhte denn die Feindschaft in dieser Art auf Gegenseitigkeit?

Hahn: Nicht von Beginn an. Die Habsburger haben - bis zuletzt - die Hohenzollern sicher nicht als ihresgleichen angesehen. In den Augen Habsburgs waren die Hohenzollern Parvenüs. Maria Theresia hat dann aber in Friedrich durch die bittere Erfahrung, in Schlesien überfallen worden zu sein, sicherlich zurecht ihren Feind erkannt. Friedrich hatte kein anderes Ziel, als die Politik der Habsburger im Reich zu torpedieren - eine rein negative Politik. Ähnliches erkennt man auch in Friedrichs Polen-Politik. Dort war er aber auch auf wirtschaftlichen Vorteil aus. Polen wurde sozusagen zum Supermarkt Preußens.

Dort haben sich aber auch Russland und Österreich bedient ...

Hahn: Weitaus weniger. Die hatten das eigentlich nicht nötig. Habsburg hatte wohlhabende Gebiete in Ungarn, Italien und Flandern, die reicher waren als alles, was Preußen je besessen hat. Auch für Russland hatte die Annexion polnischer Gebiete keine wirtschaftlichen Gründe. Sie erfolgte aus reinem Machtstreben. Dagegen brauchten die Preußen Polen dringend, um billig an Getreide, Pferde und Soldaten zu kommen.


Einen Glorienschein wollen wir Friedrich aber dennoch lassen: Er war ein in religiösen Dingen äußerst toleranter Monarch, was zu seiner Zeit in Europa keinesfalls als selbstverstädlich gelten konnte ...


Hahn: Eine gewisse Form von religiöser Duldsamkeit - bei Friedrich kam dann später auch Gleichgültigkeit dazu - lag in der Politik der Hohenzollern seit dem 17. Jahrhundert. Die Fürsten des 18. Jahrhunderts führten keine Konfessionskriege mehr, aber sie bedienten sich der Religionen für ihre politischen Ziele. So auch Friedrich: Er hetzte gern gegen die katholische Kirche, und als er 1756 Sachsen überfiel, veröffentlichte er sofort ein Manifest, in dem er sich der Bevölkerung als Beschützer der evangelischen Religion anpries. Dieses Manifest war natürlich gegen das sächsische Herrscherhaus der Wettiner gerichtet.

Wollte Friedrich damit einen Keil zwischen das katholische Herrscherhaus und dessen protestantische Untertanen treiben?


Hahn: Genau das war seine Absicht. Es gelang aber nur sehr begrenzt. In Dresden angekommen, besuchte Friedrich, der sonst nie in die Kirche ging, sofort einen protestantischen Gottesdienst und ließ die Predigt drucken. Persönlich interessierte ihn Religion nur am Rande, oder er nahm sie als Thema für Spottverse. Indem man Friedrich als religiös toleranten Menschen stilisierte, lenkte man davon ab, dass mit der Eroberung des katholischen Schlesiens und später durch die Annektion von Teilen Polens Preußen eine große katholisch-polnische Minderheit bekam. Das war ein so heikler Faktor, dass sich die preußische Statistik erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Lage sah, die Zahl der Katholiken in Preußen zu ermitteln. Oberschlesien und alle Gebiete östlich der Oder waren mehrheitlich polnisch. Preußen ist durch Friedrich zum Vielvölkerstaat geworden. Das passte natürlich keinesfalls in die nationale Erzählung des 19. Jahrhunderts, von der wir eingangs sprachen. Und genau deshalb wurden die Polen in der Preußen-Legende unter den Teppich gekehrt.

 

Zum Friedrich-Mythos gehören zahlreiche Anekdoten, die den König in Kontakt mit dem Mann von der Straße und einfachen Soldaten darstellen. Waren die auch eine große Lüge?


Hahn: Eine sehr schwierige Frage. Schon gegen Ende seines Lebens wurden von dem Berliner Schriftsteller Friedrich Nicolai und anderen Anekdoten zu Friedrich publiziert, die dann später alle als Realität genommen wurden. Die Wahrscheinlichkeit solcher Begegnungen war eher marginal. Ich fürchte, die Anekdoten waren die Reaktion auf einen für das breite Volk quasi unsichtbaren König. Nach seinem Vorleser Henri de Catt war Friedrich jedenfalls immer von seinen hohen Offizieren umgeben. Es kann eigentlich nur in Ausnahmefällen passiert sein, dass Friedrich einem einfachen Mann begegnete.

...auf den berühmten Reisen durch die Provinz?


Hahn: Klar, der Landrat bekam ihn zu Gesicht. Oft musste er dazu neben der Kutsche des Königs her laufen. Die soziale Distanz zwischen König und Landadel war im 18. Jahrhundert so groß, dass diese kolportierten Begegnungen eher ein seltenes Ereignis waren. In Potsdam selbst waren solche Treffen fast unmöglich, denn die Stadt glich einem großen Freiluft-Gefängnis. Da war so viel Militär, dass man nicht ungestört zum König hätte gelangen können. Selbst Adlige, die das Glück hatten, an einer Parade teilnehmen zu dürfen, klagten, den König nur aus der Ferne gesehen zu haben. Möglich war eigentlich nur, dass Menschen den König nach der Parade aus der Nähe erleben konnten. Ich weiß aus dem Bericht eines französischen Augenzeugen, dass sich der Alte Fritz nach stundenlangen Paraden gelegentlich ohne große Begleitung zurück ins Stadtschloss quälte. Er wurde dann von einem Leibhusaren aus dem Sattel gehoben, genauso wie er zuvor in den Sattel gehoben worden war, denn dieser nur 1,60 Meter große Mann, von Gicht geplagt, konnte sein Pferd - Condé - nie ohne Leiter besteigen, oder er musste hoch gehoben werden.

 

Aber Begegnungen mit seinen Soldaten auf den Schlachtfeldern hat es doch sicherlich gegeben.

Hahn: Wenn wir seine Leibgarde betrachten, hat es solche Begegnungen sicherlich gegeben.  Man muss aber auch bedenken, dass Friedrich schon als junger König stark kurzsichtig war. Das berichtete ein französischer Gesandter im Jahre 1740. Friedrich konnte Menschen nur unterscheiden, wenn sie unmittelbar vor ihm standen. Damit fallen viele Legenden. Es musste jemand um ihn sein, der ihm berichtete, wer ihn gerade ansprach. In seinen späten Jahren dürfte er praktisch gar nichts mehr erkannt haben. Er selbst berichtete um 1780: "Meine Augen sind blöd". Er konnte kaum noch sehen, so wie er zu dieser Zeit auch nicht mehr Querflöte spielen konnte, weil ihm die Vorderzähne ausgefallen waren. Das wurde alles von Historikern nicht erwähnt, um die Legende zu bewahren. Für diese Legende sind historische Realitäten auf Teufel komm raus verbogen worden.

Eines ist doch aber unstrittig: Friedrich hatte eine schwere Kindheit. Der Konflikt mit seinem Vater ging an physische und psychische Grenzen.

Hahn: Es war kein existenzieller Konflikt, weil er diesen Konflikt mit dem Vater nicht verlieren konnte. Friedrich war nach der Goldenen Bulle, dem Grundgesetz des alten Deutschen Reiches, Thronfolger. Sein Vater hätte niemals die Reichsordnung auf den Kopf stellen können. Von daher konnte Friedrich diesen Konflikt nicht verlieren. Der einzige Verlierer war der Vater, weil er sich so unmöglich benahm wie kein anderer Monarch seiner Zeit. Sein Hof war ein Tollhaus und er selbst ein Barbar.

Er hat seine Kinder geprügelt ...

Hahn: ... bis hin zu seiner Frau, der Königin Sophie Dorothea. Friedrich Wilhelm I., der sogenannte Soldatenkönig, litt ganz furchtbar unter schweren Krankheiten, war ein kleiner, fetter Mann, der sich kaum bewegen konnte. Seine ältesten Kinder, Wilhelmine und Friedrich, machten sich ein Vergnügen daraus, ihn zu reizen, ihn dazu zu bringen, sich ungezügelt, unzivilisiert, unköniglich zu benehmen. Und der König litt furchtbar darunter. Hier zeigten sich schon einige Charakterzüge Friedrichs: Er war stolz, nahm alles hin; er war unbeugsam, verschlagen und heimtückisch, sein ganzes Leben lang. Und er hat gelernt, mit dieser Verschlagenheit zu agieren, sich niemandem zu öffnen, aber konsequent seinen Weg zu gehen. Das Verhalten dem Vater gegenüber war bösartig, denn er wusste ja, wie dieser Mann reagieren würde. Man muss aber auch der Mutter eine Mitschuld zuweisen, die nicht in der Lage war, in irgend einer Form mäßigend einzugreifen. Im Gegenteil: Sie hat immer nur Öl ins Feuer gegossen.

Sophie Dorothea hatte ja ihren Spleen mit der erhofften englischen Doppelheirat für Friedrich und Wilhelmine.

Hahn: Das war ihr Stolz. Sie hatte die Vorstellung: Meine Kinder werden auch Könige und königlich verheiratet. Friedrich Wilhelm hatte dafür überhaupt keinen Sinn. Er verheiratete seine Kinder unter Würde, deutlich unter Stand. Alle Geschwister Friedrichs wurden - aus aristokratischer Warte - erbärmlich verheiratet. Dasselbe galt schon für die Ehen des Großen Kurfürsten und dessen Kinder. Einzige Ausnahme: Friedrich I., der erste Preußenkönig, Friedrichs Großvater. Der heiratete in zweiter Ehe mit der Welfin Sophie Charlotte auf Augenhöhe. Nur dürfte sie ihm deutlich gemacht haben, dass die Welfen etwas Besseres waren. Ich glaube, in der Heiratspolitik der Hohenzollern kam damals die Mentalität einer Parvenü-Familie zum Ausdruck. Sie hatten wohl immer das Gefühl, etwas Mediokres zu sein. Sie kompensierten es durch Ehrgeiz und politischen Willen, zerschlugen dabei aber regelmäßig viel Porzellan. Die Hohenzollern sind, wenn man so will, eine Parabel zum Schicksal Deutschlands.

 

Als dann Friedrich selbst das Zepter zu fassen bekam, startet er sofort seinen Überfall auf Schlesien. Er rechtfertigte den Eroberungsfeldzug mit "wohlbegründeten Ansprüchen". Gibt es unter Historikern eine abschließende Sicht über diese "Ansprüche"?


Hahn: Ich glaube nicht, das sich heute noch ein Historiker ernsthaft auf eine Diskussion bezüglich der "Ansprüche" einlassen würde. Wir wissen aus einer Marginalie (Randbemerkung) Friedrichs, dass er zu dieser juristischen Begründung seines Hofes schrieb, es sei "das Werk eines Scharlatans". Diese Randbemerkung ist erst durch den jüdischen Historiker Arnold Berney publik gemacht worden, der um 1930 eine der fundiertesten Biografien des jungen Friedrich geschrieben hat. Also: Friedrich selbst hat die Begründung nicht ernst genommen. Worauf sollte die sich im Übrigen gründen? Schon sein Großvater Friedrich I. hatte - noch als Kurfürst - seine Rechte auf kleinere Teile Schlesiens in einem politischen Schachzug abgetreten. Das war ein völlig korrektes Geschäft gewesen und nicht revidierbar.

Es fällt auf, dass sich die ältesten Friedrich-Biografien von Kugler und Carlyle in großen Teilen mit Friedrichs Feldzügen befassten. Dabei machten die Kriegsjahre doch nur rund zehn von insgesamt 46 Regierungsjahren aus. War der Rest zu vernachlässigen?


Hahn: Die nationale Erzählung brauchte Helden. Und der Held musste nicht nur ein tugendhafter sondern vor allem ein kriegerisch erfolgreicher Mann sein. Dabei waren die Schlachten selbst für die jeweiligen Kriege gar nicht so wichtig. Sie waren aber die Ereignisse, die sich am besten fassen ließen. In den übrigen Zeiten passierte nicht so viel, insbesondere auf dem Lande, wo rund 80 Prozent der Bevölkerung lebte. Veränderungen gab es in Berlin und Potsdam, außerdem in den Bereichen Rechtsordnung, Gerichts- und Steuerwesen. Übrigens zahlten die Menschen am Ende von Friedrichs Regentschaft wesentlich mehr Steuern als am Anfang. Das hing natürlich mit den Kosten der Armee zusammen. Friedrichs Kriege hatten  allein in Brandenburg-Preußen mehrere hunderttausend Menschenleben gekostet.

Wie war es eigentlich um den wirtschaftlichen Wiederaufbau Preußens nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763) bestellt?


Hahn: Diese Frage lässt sich aufgrund des heutigen Forschungsstandes nicht leicht beantworten. Gewiss hat der König Geld gegeben - vor allem an den Adel. Damit sollten die Güter entschuldet werden. Er hat auch Städte, die heruntergekommen waren, finanziell unterstützt. Andererseits war er natürlich der Verursacher des Krieges gewesen. Er war außerdem derjenige, der seine Bevölkerung über Münz- und Steuerpolitik ausplünderte.

Ich habe gelesen, die Verluste durch Münzverschlechterung seien wenige Jahre nach Ende des Krieges wieder ausgeglichen gewesen ...


Hahn: Das wäre ein Wunder. Nehmen wir mal einen Berliner Bäcker, der sich über den Krieg eine Barschaft von rund 3000 Reichstalern erarbeitet hatte. Das hatte man zu Hause in Silbergroschen unterm Kopfkissen. Nach der Münzreform ab 1763 besaß er nur noch 900 Taler. Insofern war die Münzverschlechterung schnell Vergangenheit. Doch die Verluste blieben, und zwar für alle Menschen, die über Bargeld verfügten. Selbst der König verlor 36 Prozent seiner Barschaft wegen der minderwertigen Silbermünzen. Wenn man dann noch die Unfähigkeit berücksichtigt, auf die Hungerkrisen in den 1770-er Jahren zu reagieren, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Wiederaufbauleistungs so großartig war. Immerhin hat Friedrich mit seiner Konzentration auf Berlin und Potsdam dort die spätere industrielle Entwicklung vorbereitet. Sonderlicher Wohlstand ist in friederizianischer Zeit außerhalb von Berlin und Potsdam aber kaum geschaffen worden.

Hungersnöte in Preußen? Verfügte Preußen nicht über eine vorbildliche Lagerhaltung von Kartoffeln und Getreide für schlechte Zeiten?


Hahn: So wenig wie es eine Finanzstatistik Brandenburg-Preußens gibt, gibt es auch eine Bevölkerungsstatistik. Die würde viele dieser Legenden ad absurdum führen. In diesen Bereichen existiert auch keine entsprechende Forschung. Aber an den wenigen Zahlen, die überliefert sind, kann man unschwer die Hungersnöte anhand der Sterblichkeitsraten erkennen. In den Jahren 1771-72 stieg die Sterblichkeitsrate um wenigstens 100 Prozent. Das Gleiche galt für die Jahre 1740 und 1756. Die beginnenden Kriege, kalte Winter und schlechte Ernten verursachten jeweils Hungersnöte. Die legendären Getreidespeicher und Kartoffelmieten spielten für die Bevölkerung keine Rolle. Die brauchte man für die Armee.

 

Friedrich nahm zum Regieren den Begriff Absolutismus sehr wörtlich: er kümmerte sich um alles persönlich. Wie effektiv war dieser Regierungsstil?


Hahn: Uneffektiv ist er erst mit zunehmendem Alter Friedrichs geworden. Am Anfang war es sicherlich höchst effektiv, dass er mit Hilfe seiner Favoriten und Günstlinge regierte. Dieser König umgab sich mit Personen minderen Ranges, die er benutzte, seinen Willen umzusetzen und ihm Gestalt zu geben. Für Oper und Kunst war Fredersdorf zuständig, der einst als Kammerdiener begonnen hatte. Der reiste umher, führte Verhandlungen und kümmerte sich um den Ankauf von Kunst. Und Eichel war in diesem System beispielsweise für die Bürokratie zuständig.

War solcherart Günstlingswirtschaft nicht an vielen Höfen üblich?


Hahn: Ja, aber es gab Unterschiede. In der Regel waren Günstlinge hochrangige Leute, die ihre Stellung für ihr persönliches Fortkommen nutzten. Leute, die ihre eigenen Interessen verfolgten. Das Besondere am friederizianischen System war, dass er sich auf Menschen ohne jeden sozialen Ehrgeiz stützen konnte und sie nur finanziell und durch persönliche Zuwendung entlohnte. Mit diesen Leuten schirmte er sich ab und war anfangs in der Lage, damit eine große Effektivität in der Regierung zu erzeugen. Seine Minister wussten genau, dass sie sich mit den Günstlingen gut stellen mussten, um überhaupt Zugang zum König zu bekommen. Das System basierte auf Vertrauen und funktionierte bis zum Ende des Siebenjährigen Krieges 1763 hervorragend. Dann wurde es immer schlechter, weil seine Günstlinge wegstarben. Zu jüngeren Generationen hat Friedrich niemals mehr das gleiche Vertrauen aufbauen können (oder wollen).

 

 Zeitenwechsel: In Zusammenhang mit der Nazizeit schwebt mir ein Bild im Hinterkopf, das Adolf Hitler an seinem Schreibtisch mit einem Friedrich-Portrait im Hintergrund zeigt. Wie war das nun: Führt tatsächlich eine gerade Linie vom Preußenkönig, über Bismarck zum Führer?

Hahn: Zu seinem 50. Geburtstag 1939 schenkte die NSDAP Adolf Hitler Briefe Friedrichs II. als besonderes Zeichen der Wertschätzung. Wir können davon ausgehen, dass Hitler Friedrich bewunderte. Ein anderer Punkt ist, wie wir unser Augenmerk auf das Dritte Reich richten. Wir sehen es heute vorwiegend im Kontext der Judenpolitik. Mit den Augen der 1920-er und 1930-er Jahre bringt eine solche Interpretation wenig. Die Nazis propagierten ja Werte wie nationale Erneuerung, Einheit und Stärke nach dem verheerenden Ergebnis des Ersten Weltkriegs. Und Friedrich stand im Denken des 19. und frühen 20. Jahrhunderts für nationalen Aufschwung, für Einheit, für militärische Tüchtigkeit, Machtbildung und europäische Geltung, die selbst das Mittel der Gewaltanwendung rechtfertigte. Das sind die Dinge, die ich eingangs nannte. Es geht um die nationale Erzählung. Im Kontext dieser Erzählung ist die Linie unverkennbar. Nur ist das nicht die ganze Geschichte sondern lediglich eine Frage der Perspektive.

 

Zum Schluss kann ich Ihnen die Boulevard-Frage nicht ersparen: War Friedrich schwul oder nicht?


Hahn: In der damaligen Zeit hat es darüber sicherlich keine Debatte gegeben. Selbst für Diplomaten gehörte es sich nicht, über die Lebensformen eines Königs schriftlich zu berichten. Den Tabubruch beging Voltaire, als er weit weg von Potsdam war. Voltaire nannte Friedrich "Luc". Wenn man das anders herum liest, heißt es "cul" - französisch für Hintern. Das war hart. Es gibt Briefe aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges, da schrieb Voltaire immer nur von "Luc". Im Übrigen wissen wir genau, dass Friedrich niemals seiner Frau zu nahe getreten ist. Das geht ganz eindeutig aus den Briefen des Grafen Ernst Christoph von Manteuffel hervor, die nie ediert wurden. Letztlich ist klar: Friedrich hat sich - in welcher Form auch immer - nur für das männliche Geschlecht interessiert.

Und die ganzen Geschichten um seinen amourösen Besuch als Kronprinz in Dresden ...


Hahn: ... gehören wieder in den Bereich der nationalen Legende. Aber im 17. und 18. Jahrhundert war Homosexualität - oder Knabenliebe - etwas durchaus Normales, tauchte in militärischen Kreisen immer wieder auf. Ich nenne nur Karl XII., Wilhelm von Oranien, den Prinzen von Vendôme, Prinz Eugen, den Herzog von Orlean. Dank des Fleißes der Historiker und Archivare haben wir dazu bei Friedrich keine direkten Aussagen. Aber wahrscheinlich existieren sie noch irgendwo. Ich kann mir nicht vorstellen, dass alles diesbezügliche vernichtet worden ist. An Friedrichs homosexueller Orientierung jedenfalls kann kein Zweifel bestehen.

 

 Herr Prof. Hahn, vielen Dank für das Gespräch.

Infos zum Interview
* Peter-Michael Hahn: „Friedrich der Große und die deutsche Nation“ (Verlag Kohlhammer, Stuttgart 2007; ISBN 978-3170179523 )


Prof. Dr. Peter-Michael Hahn (60), Historiker und Preußen-Experte, seit 1992 Lehrstuhl-Inhaber für Landesgeschichte mit dem Schwerpunkt Brandenburg-Preußen am Historischen Institut der Universität Potsdam, hat im Rahmen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit zahlreiche Monografien zum Thema Preußen publiziert (u. a. "Geschichte Brandenburgs", "Geschichte Potsdams"). Sein Werk „Friedrich der Große und die deutsche Nation“ (Verlag Kohlhammer, Stuttgart 2007; ISBN 978-3170179523 ) beschäftigt sich mit der Legendenbildung um den Preußenkönig.


Michael Hertel (56), in Hamburg lebender freier Journalist und Buchautor, beschäftigt sich seit langem mit der Geschichte Preußens. Zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen hat er 2011 die berühmte Biografie von Franz Kugler "Geschichte Friedrichs des Großen" aus dem Jahre 1840 in einer zeitgemäßen Fassung neu herausgegeben.

© 2011 by Michael Hertel
Dieses Interview wurde in Auszügen von der Nachrichtenagentur dapd verbreitet und in diversen Medien veröffentlicht. Es darf zu privaten Zwecken heruntergeladen, kopiert und verbreitet werden. Das Publizieren zu kommerziellen Zwecken - auch in Auszügen bzw. bearbeiteten Fassungen – ist nur mit Genehmigung des Autors Michael Hertel und ausschließlich bei voller Namensnennung des Autors gestattet.