Wer rettet den Kasinoturm?

Ein kritischer Zwischenruf

Jedesmal, wenn ich wieder in meiner alten Heimat Frohnau weile, werfe ich einen sorgenvollen Blick auf den Kasinoturm, das seit Jahren leerstehende Wahrzeichen der Gartenstadt. Inzwischen ist der Verfall leider auch äußerlich erkennbar. Die vier goldenen Zifferblätter der Turmuhr, die in der Vergangenheit offensichtlich immer vorbildlicher Pflege unterstanden, verblassen zusehends und werden demnächst wohl das umgebende Fassadengrau annehmen, also nicht mehr richtig zu sehen sein. Hier handelt es sich um einen sinnbildlichen Vorgang. Von Grund auf Skeptiker, gehe ich davon aus, dass dieser Verfall nicht aufgehalten wird, was mich traurig stimmt, weil dieser Turm in meinem Verständnis wie nichts anderes symbolhaft für die Gartenstadt Frohnau steht. Trutzig-stark wie eine mittelalterliche Burg, hatte der Kasinoturm in meinen Augen immer etwas Hollywoodartig-kulissenhaftes, ließ sich aber dennoch nathlos und stilvoll in Fotomotive der Anlagen des Ludolfingerplatzes mit seinem weiß wie rot blühenden Kastanienkranz einbetten. In seinem historisierenden Stil die noch junge Vergangenheit des Ortsteils gewissermaßen „verlängernd“, ist dieser Turm Synonym für die Gartenstadt. Natürlich musste er daher zwangsläufig auch den (politisch-gesellschaftlichen) Mittelpunkt meines Frohnau-Romans "Der Fürst vom Hubertussee" bilden. Auf gut deutsch: Ich kann mir Frohnau ohne diesen Turm nicht vorstellen.

 

Aber wir werden uns wohl daran gewöhnen müssen, denn: Woher soll denn die Rettung kommen? Von den Bürgern - wo sich keine hundert Frohnauer zu interessieren scheinen, wenn ein öffentliches Podium zum Thema einlädt? Von den Politikern? Die machen jetzt Wahlkampf, d.h., sie versprechen dem Bürger mal wieder alles und werden anschließend nichts davon halten. Derweil geben sie das Geld des Bürgers mit vollen Händen aus – hier mal eine halbe Milliarde für eine Drohne, die nicht fliegen darf, dort mal 5 bis 10 Milliarden für einen Bahnhof, damit man 20 Minuten schneller von Stuttgart nach München kommt. Und jeden Monat zahlen wir 20 Mio. für einen geschlossenen, aber beleuchteten Weltstadt-Flughafen. Für einen popeligen Kasinoturm bleibt da natürlich kein Geld mehr übrig. Aber vielleicht kann ja der Denkmalschutz den Turm retten. Ja, theoretisch vielleicht. Denkmalschutz ist eine feine Sache, wenn Geld da ist (siehe Weltstadt-Flughafen). Und der Wille, der muss natürlich auch vorhanden sein. Gesetzlich und politisch. In Deutschland gibt es Vorschriften, die hören sich an wie ein romantisches Gedicht: „Eigentum verpflichtet“ (Grundgesetz, Artikel 14), beispielsweise. Ja, Wille braucht man und Geld. Doch ein Denkmalschutz, der nicht einmal hässliche Mobilfunkantennen von der Turmfassade abwehrt, der wartet mit der „Rettung“ mindestens, bis die Fassadensteine herunterpoltern. Man braucht auch einen Eigentümer, der die romantischen Gesetze kennt und sich ihnen verpflichtet fühlt. In unserem Falle handelt es sich um eine irische „Investorengruppe“. Und mit „Investorengruppen“ verhält es nach meiner Erfahrung so ähnlich wie mit Politikern: Gehen Sie bitte immer von dem genauen Gegenteil aus! Wenn also einer behauptet, er „investiere“, er bringe etwas (wo möglich Geld) ein, möchte er in Wirklichkeit vor allem solches herausziehen. Für sieben Millionen, habe ich gehört, können die Frohnauer ihren Kasinoturm kaufen. Und weil sie das nicht können oder wollen, verkommt der Turm eben weiter.

 

Kommt die Rettung vielleicht von einer privaten Initiative? Da muss man nachsichtig sein. Privatleute, Künstler zumal, sind meistens keine Fachleute. Sie sind (Gott sei Dank!) keine Politiker und ganz gewiss keine „Investoren“. Insofern dürfen wir Frohnauer Marion Karliczek und Günter Vieth allein schon dafür dankbar sein, mit ihren Vorschlägen öffentlich auf das Problem Kasinoturm aufmerksam gemacht zu haben. Aber die kursierenden Zahlen für Sanierung und Unterhaltung des Gebäudes halte ich für ebenso unrealistisch wie das Nutzungskonzept. Wie, bitte schön, sollte Frohnau ein weiteres „Kulturzentrum“ betreiben können, wo man schon – mutmaßlich mit Ach und Krach – das eine halten muss...

 

Also verbleibe ich

mit herzlichen Grüßen

und skeptischem Blick

aus Hamburg

 

Ihr Michael Hertel

Aus: "Frohnau Shopping & Service" Nr. 152 (September 2013)